Montagmorgen, 9 Uhr, Teammeeting. Zwei Projekte liegen auf dem Tisch, beide wichtig, beide dringend, und alle schauen dich an. Kennst du das Gefühl, wenn der Kopf längst weiß, was richtig wäre, der Bauch aber trotzdem zögert und du am liebsten sagen würdest „Lass uns das nächste Woche nochmal besprechen“? Ich kenne es aus eigener Erfahrung nur zu gut, war selbst über zehn Jahre Führungskraft, oft als einzige Frau im Raum, und ich habe gelernt: Entscheidungen treffen ist gar nicht das eigentliche Problem. Das Problem beginnt danach, beim Dazustehen und beim Umgang mit den Gefühlen, die eine Entscheidung auslöst.
Warum dir Entscheidungen schwerer fallen, als sie sollten
Eine aktuelle Studie des Coaching-Unternehmens Dear Monday mit dem Marktforschungsinstitut Appinio hat 2026 etwas Interessantes gezeigt: Nur 60 Prozent der befragten Frauen können sich überhaupt vorstellen, eine Führungsrolle zu übernehmen, bei den Männern sind es 78 Prozent. Das hat weniger mit fehlendem Ehrgeiz zu tun als mit einem Muster, das ich in meinem Führungskräftecoaching immer wieder sehe: Frauen wägen ab, bevor sie sich zeigen. Sie wollen sicher sein, dass die Entscheidung richtig ist, bevor sie überhaupt getroffen wird. Das klingt erstmal vernünftig, wird aber zur Bremse, wenn daraus eine Dauerschleife wird.
Hinzu kommt etwas, das mir aus meiner eigenen Zeit als Führungskraft nur zu vertraut ist: die doppelte kognitive Last. Wenn du beruflich Entscheidungen triffst und gleichzeitig zuhause den Familienkalender, die Kita-Anmeldung und den nächsten Elternabend jonglierst, schöpfst du aus derselben begrenzten Ressource. Entscheidungsmüdigkeit ist kein Zeichen von Schwäche, sondern schlicht Physiologie.
Spannend finde ich auch einen dritten Punkt aus der Forschung: Frauen bewerten das Delegieren von Entscheidungen deutlich negativer als Männer, aus Angst, dabei zu dominant oder zu fordernd zu wirken. Das Ergebnis? Sie behalten zu viele Entscheidungen bei sich, bis der Stapel kippt. Falls du dich fragst, ob du für eine Führungsrolle überhaupt geeignet bist oder woran du das merken würdest, findest du dazu übrigens auch 10 Fragen, die du dir stellen solltest in einem meiner früheren Artikel.
Gute Entscheidungen treffen, aber wie?
Nicht jede Entscheidung braucht das gleiche Werkzeug. Manchmal geht es darum, zehn kleine Aufgaben zu sortieren, weil einfach viel auf einmal anliegt. Dann wiederum musst du zwischen mehreren Projekten abwägen. Oft steckt hier eher eine Priorisierung dahinter – was aber auch eine Art von Entscheidung ist – als eine klassische Entscheidung. Außerdem gibt es Entscheidungen, die sind nicht schwierig im eigentlichen Sinne, sondern dadurch, dass sie emotional aufgeladen sind. Ich zeige dir hier meine drei liebsten Methoden aus meinen Seminaren, und vor allem, wann welche für dich Sinn ergibt.
Die Eisenhower-Matrix: wenn dich zu viele Aufgaben gleichzeitig erschlagen
Die Eisenhower-Matrix ist vermutlich das bekannteste Werkzeug überhaupt, und das aus gutem Grund. Du sortierst jede anstehende Aufgabe oder Entscheidung nach zwei Achsen, wichtig und dringend. Was wichtig und dringend ist, erledigst du sofort. Die Aufgaben, die wichtig, aber nicht dringend sind, terminierst du fest, sonst verschwindet es im Tagesgeschäft. Was dringend, aber nicht wichtig ist, delegierst du. Und was weder wichtig noch dringend ist, darf konsequent in den Papierkorb.
Wann setze ich sie ein?
Diese Methode ist perfekt, wenn dein Kopf gerade von zu vielen To-dos überflutet wird und du erstmal Ordnung reinbringen musst, bevor du überhaupt einzelne Entscheidungen triffst. Für die eine große, komplexe Entscheidung ist sie dagegen zu grob gestrickt.

Die Wirkungs-Aufwand-Matrix: wenn du zwischen mehreren Optionen wählen musst
Die zweite Matrix stellt nicht Wichtigkeit und Dringlichkeit gegenüber, sondern Wirkung und Aufwand. Auf der einen Achse trägst du ein, wie viel eine Option bewirkt, auf der anderen, wie viel Aufwand sie dich kostet. Dabei ist entscheidend, dass das Ziel klar ist, damit auch die Wirkung „richtig“ bewertet werden kann. Aufwand kann dabei Zeit, Energie, Geld oder eine Mischung aus allem drei sein.
Der spannendste Bereich ist dabei das, was ich den goldenen Bereich nenne: hohe Wirkung bei geringem Aufwand. Alles, was dort landet, sind deine Quick Wins, die packst du zuerst an. Optionen mit hoher Wirkung, aber auch hohem Aufwand, sind die großen Projekte, die du bewusst einplanst, aber nicht mal eben nebenbei erledigst.
Wann setze ich sie ein?
Diese Methode hilft dir besonders, wenn du zwischen mehreren möglichen Maßnahmen wählen musst und wissen willst, wo du deine Energie zuerst investierst. Sie eignet sich hervorragend für strategische Entscheidungen im Team, weniger für sehr persönliche oder emotionale Fragen. Ich setze sie vor allem in der Projektarbeit ein.

Die 10-10-10-Methode: wenn eine einzelne Entscheidung emotional aufgeladen ist
Wenn eine Entscheidung sich emotional festgefahren anfühlt, nutze ich am liebsten die 10-10-10-Methode. Sie ist denkbar einfach und wirkt trotzdem erstaunlich stark. Du stellst dir drei Fragen: Was bedeutet die Entscheidung in 10 Minuten? Wie wirkt sie sich in 10 Monaten aus? Und wie wirst du in 10 Jahren auf diese Entscheidung blicken?
Der Trick dahinter ist simpel, aber wirkungsvoll: Du holst dich aus dem emotionalen Sog des Moments raus und betrachtest die Entscheidung aus drei völlig unterschiedlichen Zeitfenstern. Viele Entscheidungen, die sich in 10 Minuten wie eine Katastrophe anfühlen, ein unangenehmes Gespräch, eine unpopuläre Ansage, wiegen in 10 Monaten kaum noch etwas, und in 10 Jahren erinnerst du dich vermutlich gar nicht mehr daran. Andere Entscheidungen, die sich im Moment klein und banal anfühlen, können in 10 Jahren richtungsweisend gewesen sein.
Wann setze ich sie ein?
Diese Methode ist genau richtig, wenn es um eine einzelne, aber emotional schwere Entscheidung geht, bei der Kopf und Bauch gerade nicht einer Meinung sind. Für die Sortierung vieler kleiner Aufgaben ist sie dagegen der falsche Hebel, dafür eignen sich die beiden Matrizen von oben besser.

Diese drei Werkzeuge nehmen dir einen großen Teil der Arbeit ab, wenn es um das reine Treffen einer Entscheidung geht. Aber ganz ehrlich, in meinen Seminaren merke ich immer wieder: Die Methode ist selten das Problem. Das eigentliche Problem kommt danach.
Das eigentliche Problem beim Entscheiden: Was kommt danach?
Es gibt keine perfekte Entscheidung. Es gibt nur Entscheidungen, die du mit den Informationen triffst, die du in diesem Moment hast. Trotzdem kommt später unweigerlich die Frage auf: War das jetzt eigentlich richtig so? Diese Frage stellst du dir selbst, oft mitten in der Nacht, und mit ihr kommen Sorge und manchmal ganz handfeste Angst, dazu der Umgang mit den Konsequenzen, die du jetzt trägst, egal ob sich die Entscheidung im Nachhinein als richtig oder falsch herausstellt. Genau hier beginnt das eigentliche Problem, nicht das Treffen der Entscheidung, sondern das, was danach in dir vorgeht und was dir von außen entgegenkommt.
In meinen Seminaren begegnen mir dabei immer wieder drei Situationen:
- Entscheidungen von oben mittragen. Du musst eine Entscheidung vertreten, die du selbst nicht getroffen hast, vielleicht sogar anders getroffen hättest. Dann ist die entscheidende Frage nicht, ob du loyal bist, sondern wo für dich persönlich die Grenze zwischen Loyalität und Selbstverleugnung liegt. Hier spielen deine Werte eine große Rolle. Du kannst eine Entscheidung nach außen vertreten, ohne sie öffentlich zu untergraben und trotzdem authentisch bleiben, wenn du für dich selbst Klarheit über deine eigene Haltung hast.
- Entscheidungen bei Gegenwind. Sobald jemand deine Entscheidung infrage stellt oder offen kritisiert, kommt die eigentliche Prüfung: Bleibst du souverän, auch wenn andere murren? Hilfreich ist, ganz bewusst zu unterscheiden, wann du deine Entscheidung erklärst und wann nicht. Nicht jede Entscheidung braucht eine Rechtfertigung, aber Transparenz an den richtigen Stellen schafft Vertrauen. Das ist am Ende wertvoller als das letzte Wort zu behalten.
- Entscheidungen bei innerer Unsicherheit. Manchmal bist du selbst noch nicht ganz sicher, ob deine Entscheidung die richtige war, musst aber trotzdem dahinterstehen. Das fühlt sich unangenehm an, gehört aber untrennbar zur Führungsrolle dazu. Handlungsfähig bleiben und innerlich noch schwanken schließen sich nicht aus, du darfst beides gleichzeitig sein.
Und dann ist da noch die andere Seite der Medaille: die Gefühle, die dir von anderen entgegenkommen, wenn deine Entscheidung bei ihnen ankommt. In meinen Trainings unterscheide ich gerne drei typische Reaktionen.
- Wird jemand laut und wütend, geht es fast immer ums Gehörtwerden, dann hilft Erdung, ruhig bleiben, tief atmen, die eigene Stimme senken statt lauter zu werden. Was garantiert nicht hilft: „Beruhigen Sie sich doch“, das wirkt nur abwertend.
- Wird jemand still und kommen Tränen, geht es oft ums Gesehenwerden, dann hilft, Raum zu geben, Stille auszuhalten, statt sofort trösten zu wollen.
- Und zieht sich jemand zurück, verschränkt die Arme, antwortet nur noch einsilbig mit „Passt schon“, dann braucht es Kontakt ohne Druck, offene Fragen statt Appelle, und die Geduld, dranzubleiben, ohne zu drängen.
Diese Reaktionen sind fast nie persönlich gegen dich gerichtet. Dahinter steckt fast immer ein unerfülltes Bedürfnis, gehört, gesehen oder ernst genommen zu werden. Wenn du lernst, das zu erkennen, wird es spürbar leichter, selbst souverän zu bleiben, auch wenn es um dich herum gerade emotional wird.
Wie du entscheidungsfreudiger wirst, ohne leichtsinnig zu werden
- Setz dir eine Deadline für jede Entscheidung und zwar bevor du anfängst abzuwägen. Ohne Zeitlimit dreht sich Abwägen gerne im Kreis, mit Zeitlimit zwingst du dich, auf den Punkt zu kommen.
- Hol dir eine zweite Meinung, aber nur eine. Viele Stimmen erzeugen viele Zweifel, eine vertraute Stimme gibt dir dagegen echten Input.
- Übe dich darin, „Ich habe mich entschieden“ laut auszusprechen, auch in kleinen Alltagssituationen. Klingt banal, ist aber Training für den Ernstfall.
- Delegiere Entscheidungen, die nicht zwingend bei dir liegen müssen. Das ist kein Kontrollverlust, das ist Vertrauen in dein Team, und nebenbei schützt es dich vor genau der Entscheidungsmüdigkeit, die wir eingangs besprochen haben. Wenn du dabei merkst, dass dir das Abgeben schwerfällt, bist du damit übrigens nicht allein.
Und wenn dir generell das Nein-Sagen schwerfällt, lohnt sich auch ein Blick in meinen Artikel darüber, wie du als Führungskraft souverän Grenzen setzt, denn auch ein klares Nein ist am Ende nichts anderes als eine Entscheidung, zu der du stehst.
Mein Fazit für dich
Entscheidungsfreude ist kein Persönlichkeitsmerkmal, das du entweder hast oder nicht hast. Es ist eine Fähigkeit, die du üben kannst, so wie du Präsentieren oder Feedback geben geübt hast. Der Umgang mit den Gefühlen danach ist genauso trainierbar wie das Treffen der Entscheidung selbst.
Der erste Schritt ist simpel: Fang an, kleine Entscheidungen konsequent zu treffen und dazu zu stehen, ohne sie zehnmal zu hinterfragen. Der Mut für die großen Entscheidungen und die Gelassenheit im Umgang mit dem, was danach kommt, wachsen aus genau dieser Übung.
Wo hakt es bei dir gerade am meisten, beim Treffen der Entscheidung oder beim Dazustehen danach? Schreib mir gerne, ich bin neugierig auf deine Situation.
Das könnte dich auch interessieren
Blogartikel:
Newsletter:
Hier geht´s zur kostenfreien Anmeldung
Übrigens: Ich biete zu den Themen über die ich schreibe auch Trainings für Unternehmen an. Falls das für dich und dein Unternehmen interessant ist oder du jemanden kennst, melde dich gern bei mir.

Ich bin Katrin Weber, Business- und Leadership Coach mit Fokus auf Female Leadership. Bevor ich andere Frauen in Führung begleitet habe, habe ich selbst über 10 Jahre lang geführt – mit allem, was dazugehört: Umwege, Unsicherheiten, und der einen oder anderen Erkenntnis, die erst im Nachhinein Sinn ergab.
Heute helfe ich Frauen dabei, ihren eigenen Führungsstil zu finden, statt fremde Rollen nachzuspielen. Auf meinem Blog schreibe ich regelmäßig genau über genau solche Themen.









0 Kommentare